Sonntag, 5. Mai 2013


Gedanken eines sehr jungen Sprachlerners

Es gibt mehrere Theorien, wie es ein Kind in nur sechs Jahren schafft einen Wortschatz von bis zu 5000 Wörtern aufzubauen.

Während ich die Kinder in der Spielgruppe bei ihrem Spracherwerb unterstütze und begleite, versuche ich mir oft vorzustellen, was in einem Kind vorgeht, wenn es neue Wörter und Sätze lernt.

Das Kind hört die Eltern bereits im Mutterleib und schon beginnt es mit dem Spracherwerb der Erstsprache (Muttersprache). Die Mutter sagt: „Halloschatzwiewardeintag?“ und der Vater antwortet: „dankeganzgutpeterhatunsamsamstagzumabendesseneingeladenundwie-wardeintag?“ Hat das Kind bereits ein Lexikon gespeichert hat und kann es diesen Sprachbrei einfach entschlüsseln? Oder kommt es auf die Welt und muss sich sein Sprachwissen von null an aufbauen?

Mit 3 – 4 Monaten wird unser junger Sprachlerner während eines Spazierganges hoffentlich einmal mit diesem Sprachbrei beglückt. „Schaumaldaisteinhund,“  der Einfachheit halber werde ich die weiteren Sprachbreie leserlich aufschreiben. Wir wollen uns aber weiterhin vor Augen halten, dass uns kleiner Sprachschüler noch keine Ahnung hat, wann ein Wort aufhört und wann ein neues anfängt. Zu Hause betrachten Kind und Mutter ein Bilderbuch und Mama erklärt: „Schau mal, da ist ein Hund.“

Könnte man die Gedanken des Kindes lesen, sähen sie vielleicht so aus: „Wie schräg ist das denn? Das erste Hund-Ding war riesengross, machte Lärm und bewegte sich von selbst – das zweite Hund-Ding ist klein und flach, ich kann es streicheln, werfen, klatschen es macht keinen Pieps und bewegen kann es sich auch nicht!“ Papi kommt nach Hause und siehe da: „Schau mal, ich habe dir einen Hund mitgebracht!“ „Was! Noch so ein Hund-Ding! Dieses ist klein und weich, wenn ich es drücke gibt es ein Geräusch von sich, so etwas wie wuff wuff, aber bewegen kann es sich nicht, ausser ich werfe es auf den Boden! Was soll das Ganze eigentlich! Drei ganz verschiedene Dinge und die Erwachsenen nennen sie alle Hund. Wie soll ich das verstehen? Ja und überhaupt, was meinen sie damit eigentlich? Ist das Hund-Ding, das was ich fühle oder was ich sehe oder was ich rieche oder schmecke. Sind es die runden Dinger oder die dünnen Dinger oder das Ganze oder …, ganz schön verwirrend.

Da fällt mir die Geschichte des jungen Mädchens (ca. 2 ½ jährig) ein, sie stammt aus dem Buch von John Holt „Wie kleine Kinder schlau werden“: Eines Morgen sagte sie beim Frühstück: „Reich mir den Pfeffer. Reich mir den Toast. Reich mir die Marmelade.“ Wir reichten ihr alles hinüber, sie gebrauchte es aber nicht. Was sie verlangte hatte nichts damit zu tun, was auf ihrem Teller war. Sie verlangte Milch, wenn sie schon welche hatte, oder Zucker, wenn nichts da war, ihn darauf zu streuen.
Warum verlangte sie diese Dinge? Natürlich, weil es alle taten. Wenn man beim Frühstück sitzt, bittet man die anderen, einem etwas zu reichen. Es war aber nicht der einzige Grund das „Bitte, reich mir …“-Spiel zu spielen, sie beobachtete jedes Mal sehr genau, um zu sehen, was man ihr reichte. Sie verwandte die Sprache, um etwas geschehen zu lassen, was ihr mit der Zeit helfen wird herauszu finden, was die einzelnen Worte bedeuten. In Worte gefasst, könnte sie folgendes gedacht haben: „Ich werde sie bitten, mir Dinge zu reichen und werde aufpassen, was sie tun, und dabei werde ich wahrscheinlich etwas Interessantes herausfinden, vielleicht, wie all diese Dinge heissen.“

John Holt meint: „Wir müssen Menschen nicht intelligent machen. Sie sind intelligent geboren. Wir müssen bloss die Dinge unterlassen, die sie dumm machen.“

Woher wissen Kinder, wann wir das Ganze – den Elefanten oder nur einen Teil von ihm, den Rüssel meinen?

In nur vier Jahren haben Kinder den wichtigsten Teil ihrer Sprachentwicklung abgeschlossen, sie können Wünsche, Bedürfnisse, Erlebnisse und Gedanken in ihrer Muttersprache ausdrücken. Sie kennen die wichtigsten Regeln der Grammatik, können Mehrzahl und Zeitformen bilden, ohne dass wir sie darin bewusst unterrichtet hätten.

Kurz vor dem zweiten Geburtstag lernt ein Kind etwa 10 Wörter am Tag, manche lernen alle 90 Minuten ein neues Wort. Es erkennt sich nun als eigenständige Person und beginnt über sich zu reden.

Jetzt kommt die nächste Hürde im Spracherwerb, das kleine aber wichtige Wort „ich“. Wenn Mami etwas möchte, sagt sie: „Ich möchte …!“ – Papi sagt ebenfalls: „Ich möchte, …!“ Dann sagt Mami: „Wenn du lieber möchtest, dann mache ich …!“ Einmal ist Mami „ich“, dann ist wieder Papi „ich“, plötzlich wird er zum du und auch Oma, Opa können plötzlich zum „ich“ werden, … Ganz schön kniffelig! Irgendwann erkennt das Kind, dass es selbst zum „ich“ werden kann.

Obwohl wir nicht genau wissen, wie Kinder ihre Erstsprache lernen, können wir ihnen dabei helfen, indem wir viel mit ihnen sprechen. Das Kind braucht keine Babysprache, es versteht auch unsere normale Sprache. Wichtig! Bis zum 3. – 4. Geburtstag gilt: 1 Person = 1 Sprache! Kinder können verschiedene Sprachen, verschiedenen Menschen zuordnen, haben aber grosse Mühe, wenn die Mutter einmal italienisch und einmal deutsch spricht. Sprechen Sie in der Sprache Ihres Herzens, Kinder erkennen, wenn Sie nicht authentisch sind und zuerst das richtige Wort suchen müssen.

Kinder wollen Sprache mit allen Sinnen erfassen, das gelingt, wenn wir all unsere Handlungen sprachlich begleiten: „So jetzt gehen wir ins Bad und waschen die Hände. Schau das ist eine Glocke, mit der Glocke kannst du läuten. Probiere es einmal!“ Das Kind schüttelt die Glocke, sie läutet – wird sie nicht bewegt, verstummt sie. Es sind diese Erfahrungen, die dem Kind helfen, die Welt zu verstehen und die Sprache aufzunehmen. Würde es eine Szene im Fernsehen sehen, in der ein Kind eine Glocke bewegt und diese läutet, es könnte den Zusammenhang nicht herstellen. Wir alle können nur lernen, was wir auch verstehen.

Mit Bilderbüchern erfahren Kinder, das Bilder als Symbole für etwas Reales stehen können und machen so die ersten Schritte auf die  Buchstaben zu . Ein grosser Wortschatz hilft dem Kind eine weitere Sprache zu lernen, da es Brücken zur Erstsprache bauen kann.

Also liebe Eltern, bitte sprecht so viel wie möglich mit Euren Kindern, singt Lieder, erzählt ihm Fingerverse und Geschichten, macht Kniereiter und betrachtet gemeinsam Bilderbücher!

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