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Montag, 15. Juli 2013

Frühe Förderung – Stärkung in der Kindheit

„Wenn man am Gras zieht, wächst es nicht schneller!“ ist wohl das meistgenannte Zitat im
Zusammenhang mit der frühen Förderung, auch Remo Largo stellte seinen Vortrag im April 2013 in Schaffhausen unter dieses Motto. Die Veränderungen in unserer Erwerbstätigkeit, die  unbewältigte Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, die grossen Hoffnungen und Erwartungen die Eltern mit ihrem Kind verbinden, sind für Remo Largo einige Ursachen für die übertriebene frühe Förderung, den grassierenden Förderwahn, den er ablehnt.

Frühe Förderung? Was ist das?

Therapeutische Frühförderung
Den therapeutischen Bereich decken die Frühlogopädie, die Heilpädagogik und die Ergo-therapie ab, es handelt sich um Massnahmen, die nur vereinzelte Kinder betreffen. Die Logopädie begleitet Kinder mit Spracherwerbsproblemen in ihrer Sprachentwicklung. Die heilpädagogische Früherziehung richtet sich an Familien mit Kinder, die in ihrer Entwicklung auffällig sind. Die Ergotherapie verbessert durch ausgewählte Tätigkeiten und durch eigenes Handeln Defizite in der Motorik, der Wahrnehmung und der Kognition.

Förderwahn
Die frühe Förderung, die von der Zukunftsangst der Eltern genährt wird, die das Kind als Investition betrachtet, die sich auszahlen soll und die in Früh-Englisch, Früh-Chinesisch, Früh-Astrologie und Mathematik für Babies endet, wird oft als Förderwahn bezeichnet. Tiger-Mutter Amy Chua, die Mutter des Erfolges, deren Tochter mit 16 Jahren  Konzerte in der Carnegie Hall gibt, tragen dazu bei, ein seltsames Licht auf die frühe Förderung zu werfen. Diese Art der frühe Förderung wird von vielen Seiten als Drill, als Überforderung kritisiert und als nutzlos angesehen. Bestimmt gibt es Kinder, die schon in frühen Jahren ihre Begabungen entdecken und diese in einem kindgerechten Kurs ausleben können, im Mittelpunkt sollte immer das Wohlbefinden des Kindes stehen und nicht der Geltungsdrang der Eltern.

Frühe Förderung in der Spielgruppe
Remo Largos Ablehnung der frühen Förderung verwirrte mich, also fragte ich ihn nach dem Vortrag: „Ja, aber was machen wir denn? Wie nennen wir das, was wir in der Spielgruppe mit unseren Kindern tun? Wenn wir malen, werken, Perlen auffädeln, Sand schütten oder in Flaschen einfüllen, wenn wir kneten, singen, tanzen, Geschichten erzählen? Ist das keine frühe Förderung?“ –„Das ist normal“, antwortete Herr Largo, „das ist es, was alle Eltern mit ihren Kindern tun.“

Ist es wirklich so? Wissen alle Eltern, wie sie ihre jungen Kinder kindgerecht fördern und
unterstützen können? Waren es früher nicht die Grossfamilie, die Grosseltern, die Geschwister, die die Kleinen in ihrer Entwicklung unterstützten.

Vorlesen und Fernsehkonsum
Eine Studie der Stiftung Lesen stellte im Jahr 2008 fest, dass 37 % aller Kinder zwischen 1 und 10 Jahren nicht vorgelesen wird, im krassen Gegensatz dazu stehen die 72 Minuten täglich die Kinder im Alter von 3 - 14 Jahren vor dem Fernseher verbringen.72 Fernsehminuten am Tag, bedeuten rund 55 Tage à 8 Stunden Fernsehen in jedem Jahr. Welche Folgen der Fernsehkonsum für Kinder haben kann, ist auf der Seite www.bildschirmfreie-woche.ch (wieso?) nachzulesen. 

Ganzheitliche Erfahrungen
In den letzten Jahren betreuten wir immer mehr Kinder, die in der Spielgruppe zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand halten, die noch nie zuvor geknetet haben und völlig fasziniert ganze Leimtuben leeren. Erfahrungen, die früher einfach nebenher liefen, weil die Kinder helfen durften, mussten, fehlen heute oft gänzlich. Deshalb brauchen alle Kinder eine frühe Förderung, eine natürliche, normale, kindgerechte frühe Förderung. Kinder müssen eigen Erfahrungen machen können. Es reicht nicht, wenn sie im Fernseher sehen, wie ein Bild gemalt wird und es anschliessend auf dem Tablet-PC mit dem Finger probieren. Sie müssen das Gewicht des Pinsels spüren, müssen erfahren, wie lange sie mit dem Pinsel in der Wasserfarbe zu rühren haben, bis sie eine kräftige Farbe auf das Papier bekommen. Mit welcher Pinselhaltung kann ich am besten arbeiten, was passiert, wenn ich den Pinsel zu fest auf das Papier drücke (meine Spielgruppen-Pinsel schreien vor Schmerz laut auf!), was passiert, wenn ich den blauen Pinsel in die gelbe Farbe tauche? Die Kinder lernen, dass Farbe farbig macht: das Papier, den Pinsel, die Hände, die Kleider, den Tisch, den Boden, … und dass sie die Farbe nicht verletzt, sondern sich ganz leicht wieder abwaschen lässt.

Es genügt nicht, am PC eine Suppe zu kochen! Kinder brauchen Erfahrungen für alle Sinne, wie riecht, wie schmeckt, wie fühlt sich eine Suppe an, wie sieht sie aus? Kinder brauchen frühe Förderung!

Dünger
Etwa einen Monat nach Herrn Largo sprach Frau Heidi Simoni vom Maria Meierhofer Institut über den Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung an der Tagung zur Situation der frühen Förderung in Schaffhausen, sie bezeichnet die frühe Förderung nicht als Ziehen am Gras, sondern als Dünger, der dem Gras hilft besser zu wachsen.

Genauso sehen wir unsere Aufgabe, wir fördern und unterstützen die natürliche Neugier der Kinder, ermöglichen ihnen vielfältige Erfahrungen für alle Sinne und sorgen dafür, dass das Gras nicht verdorrt, sondern gesund spriessen kann.

Was uns noch fehlt ist eine klare sprachliche Abgrenzung zum Förderwahn, eine klare Bezeichnung für unsere frühe Förderung. Was haltet ihr von frühkindlicher Stärkung? 

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