Samstag, 10. August 2013


Orientierungsrahmen frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung

 
Der Orientierungsrahmen und unsere Umsetzung in der Spielgruppe

 
Der Orientierungsrahmen wurde vom Maria Meierhofer Institut für das Kind im Auftrag der Schweiz. Unesco Kommission als Arbeitsinstrument für die pädagogische Praxis erarbeitet.
Er richtet sich an Erwachsene, die Kinder ab Geburt bis zum Eintritt in den Kindergarten belgeiten, an Personen, die diese Erwachsenen beraten und schulen und an Entscheidungs-träger und Planer in Verwaltungen und Gemeinden.

 
Als Leitprinzipien des Orientierungsrahmens gelten die Grundbedürfnisse von Kindern:

- beständige, liebevolle Beziehungen

- körperliche Unversehrtheit und Sicherheit

- anregende Umgebung

- individuelle und entwicklungsgerechte Erfahrungen

- Strukturen und Orientierung

- Hilfe bei Verstehen der Innen- und Aussenwelt

- stabile und unterstützende Gemeinschaften

- sichere Zukunft

Kinder entdecken die Welt

Angespornt durch ihre Neugier wollen Kinder vom ersten Tag an die Welt entdecken, sie wollen sprechen, laufen, greifen und tasten.

Durch ihre eigenen Aktivitäten und Beiträge machen sich die Kinder ein Bild von der Welt. Die individuellen Bildungsprozesse junger Kinder können nicht von Erwachsenen geleitet, unterbunden oder gesteuert werden. Die Konstruktions- und Lernprozesse sind der Motor jeden Kindes, mit ihnen erwirbt sich das junge Kind Wissen und neue Konzepte.

Die Bildung in der frühen Kindheit schafft Voraussetzungen, die für alle Kinder förderlich sind, sie ist das Fundament der Bildungsbiografie, sie ist ein offener, lebenslanger und aktiver Konstruktionsprozess.  Die Kinder verfügen über Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeiten, die es ihnen ermöglichen, aus eigenem Antrieb, mit Neugier und Interesse zu lernen. Sie sind von Geburt an auf Selbsttätigkeit und Selbstbestimmung ausgerichtet, sie sind weltoffen und bildungshungrig. Sie versuchen mit allen Sinnen die Zusammenhänge der Welt zu begreifen. Sie erkunden ihre Umwelt und erweitern ihre Kompetenzen. Kleine Kinder sind Forscher und Entdecker, sie wollen selbst experimentieren und Hypothesen entwickeln, sie lernen geschickt durch handeln, bewegen, nachahmen, ausprobieren, beobachten, fragen, ertasten und wiederholen. Bildungsprozesse sind in alltägliche Situationen eingebettet, sie passieren im gewöhnlichen Leben. Im Spiel mit anderen Kindern, beim Bauen von Höhlen, bei Mahlzeiten, bei Spaziergängen, beim gemeinsamen Werken, beim Spielen im Sand und beim Klettern auf dem Spielplatz.

Die frühe Kindheit ist eine lernintensive Zeit, jetzt werden die entscheidenden Verknüpfungen und Netzwerke im Gehirn angelegt. Das Gehirn sucht sich Anregungen, es braucht Abwechslung, die es für seine Entfaltung nutzt. Fehlende Anregungen und Impulse in der frühen Kindheit können später nur mehr beschränkt kompensiert werden. Entwicklungsrückstände sind kaum aufzuholen, Fehlentwicklungen können fast nicht repariert werden.

Frühkindliches Lernen verknüpft bestehende Erfahrungen mit neuen Informationen. Kinder entwickeln kognitive und lernmethodische Kompetenzen, bilden Kategorien, sie versuchen
Probleme zu lösen, probieren verschiedene Lernstrategien aus, entwickeln Ehrgeiz, Motivation und logisches Denken. Sie lernen mit Begeisterung, aber nur, was ihnen Freude macht, was sie interessiert.

Wenn ein Kind etwas Neues entdeckt und mit vollem Engagement und Eifer ausprobiert hat, erlebt es sich als aktiv und wirksam. Lernen heisst für das Kind spielen. Lernen und Spielen sind keine Gegensätze, sondern weitgehend eins.

Gemeinsam mit anderen Kindern oder mit Erwachsenen konstruiert das Kind im Spiel Wissen und Sinn, es stellt erlebte Wirklichkeit nach, drückt Vorstellungen und Träume aus und schlüpft in verschiedene Rollen. Durch das Spiel entwickelt sich das Kind emotional, sozial, motorisch und kognitiv, im Spiel zählt die Handlung, der Prozess und nicht das Endprodukt.

Nur ein Kind, das sich physisch und psychisch wohl fühlt, kann neugierig und aktiv sein. Durch unbewältigten Stress kann Angst und Ohnmacht entstehen, dadurch können sich bereits
gebahnte neuronale Verschaltungen im Gehirn zurückbilden. Stressbewältigung dagegen löst Freude und Kompetenz aus, dadurch werden Signalstoffe im Gehirn ausgeschüttet, die zu synaptischen Verschaltungen führt und so die Lern- und Gedächtnisleistung verbessern.

In seinen ersten zwei Lebensjahren entwickelt das Kind sein Ich-Bewusstsein, das hauptsächlich durch die Bedürfnisse nach Sicherheit und Schutz, nach  Anregungen und nach Selbsttätigkeit „es selber tun!“ gespeist wird. Ist ein Kind unsicher oder aufgebracht, sucht es Schutz und Unterstützung; ist ein Kind angeregt, erkundet es seine Umwelt.

Erst wenn die Körpersprache, Blick abwenden, den Kopf schütteln, nicht mehr ausreicht, macht es Sinn, sich mit Worten zu verständigen. Deshalb ist Nein auch häufig das erste gesprochene Wort, das Kind will seinen Willen mit Nachdruck kundtun. Die kleinkindlichen Ausdrucksformen sind vielfältig; sie lieben verbale und nonverbale interaktive Spiele, drücken ihre Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken in „100 Sprachen“ mit Lauten, Gesten, Wörtern, Händen, Füssen und dem ganzen Körper aus. Bevor Kinder richtig sprechen, summen sie Melodien und sind sehr empfänglich für Musik und Lieder.

Jedes Kind möchte sich willkommen und von Geburt an beteiligt fühlen. Bereits Säuglinge realisieren, dass ihre Handlungen eine Wirkung haben; sie experimentieren damit, wiederholen Handlungen, variieren sie oder probieren sie in neuen Situationen aus. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres verstehen Kinder, dass sie Verursacher sein können und empfinden Stolz und Schuld für ihr Tun.

Unsere Umsetzung in der Spielgruppe

Wir unterstützen und begleiten die Kinder aufmerksam und verlässlich bei ihren Entdeckungen und Experimenten,. Wir helfen allen Kindern ihren Weg zu finden und ihre Chancen zu verbessern. Wir begleiten die Kinder kompetent in ihrem Bildungsprozess, den die Kinder selbst gestalten, dabei aber auf unsere Unterstützung und unsere Reaktionen angewiesen sind.

Wir gestalten für die Kinder eine anregungsreiche Umgebung, die ihnen vielseitiges Lernen mit allen Sinnen ermöglicht.  In unserer vorbereiteten Umgebung können die Kinder ihren Spiel- und Lerntrieb ausleben, das frei zugängliche, verschiedenartige Material lädt zum Entdecken und Forschen ein. Wir ermuntern die Kinder, ihrer Neugier zu folgen und eigenen, kreativen Ideen nachzugehen. Wir begleiten die Spiel- und Lernaktivitäten, aber die Kinder entscheiden selbst, was, wann, wie lange und mit wem sie spielen möchten.

Unsere anregende und förderliche Umgebung hilft den Kindern ihre Persönlichkeit zu entfalten. Als aufmerksame Erwachsen nehmen wir die Fragen und Interessen der Kinder auf, stellen ihnen vielfältige Anregungen und Kommunikationsmöglichkeiten bereit und geben den Kindern viel Spielraum, um selbst aktiv zu werden.

Unser aktives Interesse und die offene Fragen machen den Kindern die eigenen Überlegungen und Ideen bewusst und helfen ihnen, diese zu äussern. Die Lebenswelten und –bedingen sind heute für Kinder sehr unterschiedlich, unsere integrative und inklusive Bildung schätzt die Vielfalt und behandelt alle Kinder gleichwertig. Im Miteinander begreifen die Kinder die Vielfalt als Normalität und Chance.

Weil Kinder erst nach und nach lernen ihre Bedürfnisse aufzuschieben und eine Vorstellung
von der Zukunft aufzubauen, gestalten wir die Spielgruppenstunden nach den kindlichen Zeitbegriffen.

Je nach Temperament des Kindes braucht es mehr Unterstützung und Anregung. Wir gehen auf jedes Kind individuell ein und wissen, dass zu viel Unterstützung und/oder zu wenig Anregung ein Kind unterfordern, zu wenig Unterstützung und zu viel Anregung ein Kind auch überfordern kann.

Überforderte und verunsicherte Kinder können sich nicht in eine Beschäftigung vertiefen und sich nicht auf Neues einlassen. Überforderung beeinträchtigt die Entwicklung und das Lernen des Kindes nachhaltig.

Wir stimmen unsere Unterstützung auf den Entwicklungsstand des Kindes ab, stellen Anregungen für den nächsten Entwicklungsschritt bereit, ermuntern das Kind, den nächsten

Schritt zu wagen. Da ein kleines Kind ganzheitlich lernt, es also mit allen Sinnen bei der Sache ist, profitiert es von einem Angebot in verschiedenen Hinsichten. Ein Wasserexperiment  fördert das Wissen über die physikalischen Eigenschaften des Wassers, gleichzeitig schärft es die Sinneswahrnehmungen und die motorische Geschicklichkeit, gemeinsam mit anderen Kindern gespielt, erweitert es die sozialen Kompetenzen. 

Wir zeigen den Kindern, wie lustvoll und nützlich die Kommunikation mit anderen sein kann, sie ist die Basis für späteres Lesen und Schreiben. Wir kommentieren die Handlungen der Kinder wie Reporter ein Fussballspiel und fördern so seine Konzentration auf die momentane Aufgabe.

Wir gehen sorgsam mit der Sprache, unserem wichtigsten pädagogischen Werkzeug um.
Mit Fingerversen, Liedern, Abzählreimen und Geschichten bauen wir mit der Erzählsprache eine Brücke zur geschriebenen Sprache.

Wir unterstützen die Selbständigkeit und die Mitgestaltung des Alltags durch die Kinder. Wir begleiten die Kinder, wenn sie gemeinsam mit anderen Kindern ihre sozialen Kompetenzen erweitern. Wir bereiten die Kinder auf kleine und grössere Veränderungen vor und begleiten
sie von einer Gemeinschaft zur nächsten.

Kinder legen grossen Wert auf die Bewertung ihres Tuns durch Erwachsene, sie zeigen dies durch ein rückversicherndes Blickverhalten, wenn sie verunsichert sind. Unsere Reaktionen zeigen dem Kind, was wir ihm zutrauen und zumuten, diese Botschaften tragen zum Aufbau des kindlichen Selbstkonzepts bei. Erhält das Kind keine oder nur abwertende

Rückmeldungen, behindern diese den Aufbau eines positiven Selbstkonzepts. Die Erfahrung selbst etwas zu bewegen, etwas zu lernen, ist vor allem unter widrigen Umständen besonders wichtig und wertvoll. Wir helfen den Kinder sich selbst wahrzunehmen, sich zu erkennen und wieder zu erkennen, sich ein positives Bild von sich auf zu bauen und sich als kompetentes, lernendes Kind zu erfahren.

Wir lassen uns auf die kindliche Weltsicht ein, wir begleiten das Kind in seinen Bildungs-
und Entwicklungsprozessen und sorgen für verlässliche und anregende Interaktionen zwischen den Kindern und uns. In unserer vorbereiteten Lernumgebung können die Kinder Erfahrungen mit Menschen und Dingen sammeln, sie ermöglicht ihnen vielfältige Ausdrucks-formen. Wir sorgen für eine gesunde Balance zwischen Anregung und Eigeninitiative der Kinder, zwischen Hilfestellung und Zurückhaltung.

Wir stellen den Kindern offene Fragen und stimulieren so den Bildungsprozess. Mit geschlossene Fragen (Antwort ja oder nein) hemmen und blockieren wir die Kinder, offene Fragen regen sie zum Nachdenken, zum Problemlösen, zum Dialog über ihr Anliegen, zu Ideen und Theorien an, offene Fragen zielen auf Erzählungen und Berichte ab, die Kinder können ihren Gedanken freien Lauf lassen.

Wir weiten die Lernaktivitäten der Kinder aus, dominieren sie aber nicht, wir greifen nicht vorschnell in die Lösungssuche und Erprobung durch die Kinder ein. Wir lassen ihnen genügend Zeit und Gelegenheiten eigene Lösungen zu suchen und selbst die Initiative zu ergreifen. Wir unterstützen die Lernprozesse in dem wir ein Gerüst in Form von Denkanstössen und Hilfestellungen bereitstellen. Unser Ziel ist es, uns zurückzuziehen und die Verantwortung für das Handeln dem Kind zu übergeben, bis es die Aufgabe selbständig lösen kann. Wir bauen den Kindern Brücken in Bereiche, in denen sie bisher kaum aktiv waren, weil sie sich noch unsicher fühlen. Wir gehen dabei von jenem Bereich aus, in dem sich das Kind gerne und erfolgreich betätigt. Das Kind kann seine Aktivitäten erweitern und neue Fähigkeiten und Kompetenzen entdecken.

Wir hören den Kindern aktiv zu, sind offen für das, was die Kinder erzählen und nehmen jedes Kind an, so wie es ist. So schaffen wir einen angstfreien Raum für die Äusserungen der Kinder.

Wir regen Kinder im Dialog zum Spracherwerb und zur sprachlichen Weiterentwicklung an, wir sind sprachliche Vorbilder und stellen sprachliche Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung.
Bei gemeinsamen Bilderbuchbetrachtungen entwickeln sich spielerische, wechselseitige Dialoge.

Mit unserem anregungsreichen Angebot bieten wir den Kindern Möglichkeiten zur Selbst-
tätigkeit und Eigenaktivität, zur Interaktion und Kommunikation, zu Struktur und Ordnung, zu Gemeinschaftserfahrungen, zum kreativen Gestalten. Wir laden die Kinder zu vielseitigen

Spielen, zum Experimentieren, zum Beobachten, zum künstlerischen und kreativen Ausdruck ein, wir ermöglichen ihnen das Hantieren mit Wasser, Sand und Knete, mit Tüchern, Bällen und Kissen, physikalische Versuche, das Bauen von Häusern, Brücken, Malen, Basteln, Singen und Tanzen, das Betrachten von Büchern und Bildern, wir hören und machen Musik, erzählen und spielen Geschichten und üben die fein- und die grobmotorische Geschicklich-keit. Die Kinder haben freien Zugang zu den Materialien und wählen ihr Spielangebot selbst nach ihren Interessen aus.

Wir heissen Eltern von Anfang an herzlich willkommen, sind offen für ihre Fragen und Anliegen. Die Eltern sind die Experten für ihr Kind, wir tauschen uns mit ihnen aus und legen gemeinsam den Weg für die bestmöglichen Bildungsbedingungen für das Kind fest.
Wir stehen den Eltern für Gespräche zur Verfügung und pflegen die persönlichen Kontakte
an verschiedenen Elternanlässen.

Den Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz gliedert sich in drei Teile:

 

Teil 1 – das Fundament
- Bildung – Betreuung – Erziehung
- Grundverständnis frühkindlicher Bildung
- Lernen und Entwicklung
- Beziehungen und gemeinschaftliches Lernen
- individuelle und soziale Vielfalt

 Teil 2 – Leitprinzipien
- physisches und psychisches Wohlbefinden
- Kommunikation
- Zugehörigkeit und Partizipation
- Stärkung und Ermächtigung
- Inklusion und Akzeptanz von Verschiedenheit
- Ganzheitlichkeit und Angemessenheit

Teil 3 – pädagogisches Handeln
- Beobachten, reflektieren und dokumentieren
- Bildungsprozesse anregen und Lernumgebungen gestalten
- Übergänge begleiten und gestalten
- Planen und evaluieren

Zentrale Begriffe

Bildung:          Beitrag des Kindes zu seiner Entwicklung: Aneignungstätigkeit des Kindes
                        (sich ein Bild von der Welt machen)

Betreuung:      Beitrag der Erwachsenen zur Entwicklung des Kindes: soziale Unterstützung,
                        Versorgung und Pflege des Kindes

 Erziehung:      Beitrag der Erwachsenen zur Entwicklung des Kindes: Gestaltung einer
                         anregungsreichen sozialen und materiellen Bildungsumwelt

Entwicklung:  Differenzierung, Reifung und Wachstum des Kindes in all seinen Facetten

 Lernen:           Konkrete Wahrnehmung und Verarbeitung von Informationen und
                        Erfahrungen; zentrale Formen beim Kleinkind: Spiel, Kommunikation

Den gesamten Text und weitere Informationen findet ihr unter: www.orientierungsrahmen.ch

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