Sonntag, 6. Oktober 2013


Wenn die Ziege schwimmen lernt

Ein Bilderbuch, diesmal für Erwachsene: Es gab einmal eine Zeit, da gingen alle Tiere in die Schule. Am ersten Tag kamen sie aufgeregt und voller Neugier zur Schule. Die Lehrer unterrichteten also alle Schüler in den Fächern: Schwimmen, Fliegen, Rennen und Klettern. Denn das war das Mindeste, was ein anständiges Tier können musste, doch nach einem Jahr konnte keines der Tiere mehr etwas richtig gut! Was war geschehen?

Genauso wie die Tiere kommen die Kinder voller Freude und Neugier in die Spielgruppe, die Schule, sie wollen lernen und sind offen für Neues. Unsere Aufgabe als Spielgruppenleiterin, als Lehrer, aber auch als Eltern ist es, die Kinder individuell zu unterstützen und auf ihren Stärken aufzubauen. Führen wir ihnen immer wieder ihre Schwächen vor Augen, verlieren sie die Freude am Lernen und wälzen sich wie der Elefant in der Pfütze.

Uns Menschen sind alle Grundfertigkeiten, die wir für ein glückliches und erfolgreiches Leben brauchen, in die Wiege gelegt. Wir müssen nicht ohne Flügel fliegen lernen oder ohne Kiemen unter Wasser leben. Die Fähigkeiten zum Reden, zum Bewegen und zum Handeln sind uns angeboren. Manche gehen ihren Weg langsam und machen manchen Umweg, andere gehen direkt auf ihr Ziel zu.

Wir Spielgruppenleiterinnen (Frühförderinnen, Wissensvermittlerinnen, Sprachbildnerinnen) begleiten die Kinder auf ihrem Weg und versuchen ihre Freude am Sprechen, am Bewegen, am Experimentieren und natürlich an Bücher und Geschichten zu erhalten und zu wecken.

Literacy-Erziehung

Und schon sind wir wieder bei meinem Lieblingsthema, der Literacy-Erziehung in der Spielgruppe. Bis heute gibt es keine deutsche Übersetzung für Literacy; sie umfasst viele Fähigkeiten z. B.: das Textverständnis, sich auf Fantasien einlassen, das Entdecken von Silben und Reimen, Geschichten und Erlebnisse in der richtigen Reihenfolge erzählen, das Interesse an Büchern und der Umgang mit ihnen (das Wissen, wo ein Buch anfängt und wie ich es umblättere), die Freude an der Sprache überhaupt.

All diese Fähigkeiten sollten die Kinder durch vielfältige Literacy-Erfahrungen, lange bevor sie selber Lesen und Schreiben lernen, machen können. Im Idealfall erfolgt die Literacy-Erziehung in der Erstsprache durch die Eltern, in der Spielgruppe oder der Krippe in der Umgebungssprache.
Ein Kind, das in seiner Erstsprache weiss, wie eine Geschichte funktioniert, wie sie aufgebaut ist und wie sie abläuft, kann dieses Wissen auch in seiner Zweitsprache nutzen, ein wichtiger Schritt in Richtung Erzählkompetenz.

Eine reichhaltige, abwechslungsreiche Literacy-Erfahrung zu Hause, in der Spielgruppe, in der Krippe und im Kindergarten gehört zu den wichtigsten Grundlagen für den Schulerfolg.

Aber! Über 37 % der Kinder bis 10 Jahre in Deutschland beklagen sich: Uns wird nicht vorgelesen, nicht zu Hause, nicht in der Schule und auch nicht im Kindergarten.

In den ein bis zwei Jahren, in denen wir die Kinder in der Spielgruppe begleiten dürfen, können wir viel dazu beitragen, dass die Kinder ihre Literacy-Fähigkeiten entwickeln können, wenn wir in der Spielgruppe regelmässig Bilderbücher ansehen, den Kindern Geschichten erzählen und in ihnen die Freude an Büchern, Geschichten, Reimen und an der Sprache wecken.
Das gemeinsame Betrachten eines Bilderbuches ist die wirksamste Sprachförderung für junge Kinder. Die Kinder geniessen die Zuwendung und die Nähe, wir können unser Sprachtempo und unsere Sprache dem Sprachstand des Kindes anpassen. Über die vielen Dinge und Ereignisse eines Buches können wir uns mit den Kindern unterhalten, wir können unsere Fantasie und unsere Ideen einbringen. Beim dialogischen Erzählen ziehen wir die Kinder in die Geschichte mit ein, so können die Kinder selbst zum Erzähler werden.

Buchsprache, Bildungssprache, literale Sprache

Mit Geschichten machen wir die Kinder mit der Buchsprache, der Bildungssprache, der literalen Sprache vertraut, die so ganz anders ist als unsere Alltagssprache. Die Schweizer-deutsche Sprache kennt keine Vergangenheit, wir sagen: „ich bi gangä, ich ha gläsä, ich bi grännt! und auch die deutsche Umgangssprache in Gesprächen und im TV verwendet das Präteritum nur ganz selten. In der Schule ist die Vergangenheitsform aber in allen Fächer allgegenwärtig, in Lesetexten, in mathematischen Textaufgaben und natürlich in den Fächern Geschichte und Geografie. Kinder, die nie oder nur selten mit der Vergangen-heitsform Kontakt hatten, tun sich schwer, wenn sie auf einen Satz stossen, wie, „er las vor“ (wie heisst das passende Verb: lasen?????? – ich ha glasä??? – ich las – evt. lassen????). Lesen ist bei weitem nicht das einzige unregelmässige Verb der deutschen Sprache!

Alle, die wie ich Schulfranzösisch lernten und schon einmal versuchten, einen französischen Roman zu lesen, können die Schwierigkeiten dieser Schüler nachvollziehen. Meistens stolpere ich bereits über das zweite oder dritte Wort – ein Verb im Passé Simple – fast immer unregelmässig, in der gesprochenen Sprache nie verwendet, in der Schule nicht gelernt und schon bald lege ich das Buch enttäuscht wieder weg.

Was sagt euch folgender Satz, einer nicht mal so weit entfernten Sprache?

Er brachte den Kukurutz nach Hause und legte ihn zu den Paradeisern auf den Tisch. Seine Mutter busselte ihn ab, er machte ein bledes Gesicht und freute sich aber, dass die Mutter nicht mehr krawutisch war. Bestimmt würde sie sich über die Ribseln freuen, die er noch in der Tasche hatte.

Wortschatz  

Nicht nur die Vergangenheitsformen, sondern auch der Wortschatz sind für das Text-verständnis in der Schule immens wichtig! Je mehr Wörter die Kinder kennen, desto einfacher ist es für sie Texte zu verstehen, desto eher können sie eine Geschichte verfolgen und sie bekommen Freude am Lesen. Eine Geschichte voller „Kukurutz-Wörter“ macht weder Sinn noch Spass.

In der Spielgruppe, in der Krippe, im Kindergarten und natürlich zu Hause können wir die Kinder spielerisch an die Buchsprache gewöhnen und die so wichtige Erzählkompetenz der Kinder fördern. Deshalb möchte ich euch nochmals ermuntern: Lest euren Kindern vor, so viel wie möglich, nicht nur in Mundart, sondern auch Buchdeutsch.

Kinder, die keine Bücher zu Hause haben, werden meistens grosse Mühe haben, eine Geschichte aufmerksam zu verfolgen.  Oft fehlt ihnen auch die Abstraktionsfähigkeit, das heisst, sie können das Bild einer Ziege nicht als Ziege erkennen, für sie ist es nur ein buntes Bild.

Mit dem Thema des Bilderbuchs: Wenn die Ziege schwimmen lernt von Nele Most mit Bildern von Pieter Kunstreich (ISBN-13: 978-3407773005) befassen sich indirekt auch die Interviews mit Remo Largo (Migros Magazin Nr. 39) und mit Lutz Jäncke (Migros Magazin Nr. 38).

Remo Largo erklärt: „Die Schule ist dann erfolgreich, wenn möglichst jedes Kind seine Fähigkeiten ausbilden kann, Erfolg hängt von den Begabungen der Kinder ab.“ R. Largo geht in seinem Interview auch auf nachhaltiges Lernen, die freie Schulwahl und die Schulnoten ein, nachzulesen unter:  


Lutz Jäncke äussert sich zum elterlichen Einfluss auf die Gehirnentwicklung ihrer Kinder und gibt Tipps zum Umgang mit TV und anderen Medien, und zum Umgang mit Teenagern weiterlesen unter:

http://www.migrosmagazin.ch/leben/familie/artikel/fruehfoerderung-halte-ich-fuer-ueberfluessig

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