Mittwoch, 1. Januar 2014

Rückblick auf 20 Jahre Spielgruppe (Teil 2)

Als sich 1970 die ersten Mütter zusammenschlossen, um gemeinsam eine „Kinderhüti“ einzurichten, weil ihren Kindern die Spielkameraden fehlten oder die Spielmöglichkeiten in der Umgebung sehr beschränkt waren, wurden sie oft belächelt und kritisiert.

Manche fürchteten gar um das Wohl der Kinder, wenn sie so früh schon der Mutter entrissen wurden.

Die Konzepte der ersten Spielgruppen waren sehr unterschiedlich, aber überall standen schon damals die Kinder im Mittelpunkt.

Eine schöne Zusammenfassung der ersten zwanzig Spielgruppenjahre findet ihr auf:


Meine ersten 10 Jahre 

Ich kann erst auf 10 Jahr Spielgruppe zurückblicken, es waren bewegte, lehrreiche, unvergessliche Jahre.

Damals während meiner Ausbildung waren fremdsprachige Kinder noch kein Thema, es war so, als gäbe es sie gar nicht. Dennoch hatte ich vier Kinder mit einer anderen Muttersprache in meiner ersten Gruppe. 

Zum Glück! Ich lernte viel von Ihnen:

 -    Kinder wollen spielen, egal in welcher Sprache

     Spielgruppenkinder spielen meist noch nebeneinander und entwickeln erst langsam eine
     gemeinsames, sprachlastiges Rollenspiel. Die Kinder bei uns merken auch noch nicht, dass
     es Kinder gäbe, die die gleiche Sprache wie sie selbst sprechen, sondern sie versuchen über
     unsere gemeinsame, deutsche Sprache zu kommunizieren.

     Sie handeln nach dem Prinzip:

     1 Person (in unserem Fall die Spielgruppe) = 1 Sprache (deutsch)

     Im Kindergartenalter suchen sich die Kinder Spielkameraden, mit denen sie
     kommunizieren können. In vielen Kindergärten sind die einzelnen Sprachgruppen bereits
     so stark vertreten, dass sich die Kinder zum gemeinsamen Spiel finden und der Wunsch        
     Deutsch zu sprechen in den Hintergrund rückt.

-    Kinder wollen verstanden werden

     Sie möchten ihre Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken und erwarten eine
     Reaktion darauf. Meine Unerfahrenheit veranlasste mich, auf die eine Muttersprache, die ich
     ein wenig verstand einzugehen und nahm den Kindern damit jeglichen Ansporn, deutsch
     zu sprechen, ich verstand ja, was sie wollten. (Zumindest waren die Kinder davon
     überzeugt.)

-    Kinder brauchen viel Sprachinput, um eine Sprache zu lernen

     Vier Stunden Spielen, Basteln, Singen und Geschichten hören pro Woche reichen nicht
     aus, die Ortssprache noch vor dem Kindergarten zu lernen. Auch junge Kinder, die ihre
     Zweitsprache noch fast wie die Erstsprache im Sprachbad, in der Alltagskommunikation
     lernen, brauchen viel mehr Sprachinput, als eine herkömmliche Spielgruppe bieten
     kann.
     Sprächen Eltern nur vier Stunden pro Woche mit ihren Kindern, lernten diese die Mutter-
     sprache auch nicht richtig. Manche Studie zeigen aber, dass wir in diese Richtung
     schlittern, Gespräche am Familientisch werden seltener, das Sprechen wird oft dem TV
     überlassen.

Heute haben nur noch 20 % der Spielgruppen keine fremdsprachigen Kinder in ihrer Gruppe,
52 % betreuen 1 – 2 Kinder mit einer anderen Muttersprache als Deutsch und 28 % der Leiterinnen haben mehr als die Hälfte, einige sogar ¾ der Kinder mit geringen bis zu gar keinen Deutschkenntnissen.

Verteilt auf die ganze Schweiz sprechen 41,7 % der Kinder eine andere Sprache als die Ortssprache.

Einzelleitung 

Meine erste Gruppe mit elf Kindern leitete ich alleine, es klappte recht gut, die Kinder waren schon alle ziemlich selbständig. Ich konnte sie alleine auf die Toilette schicken, sie wussten, wie sie sich die Hände waschen sollten und die meisten verstanden meine Sprache.

Auch heute leiten noch immer 51,5 % der Spielgruppenleiterinnen ihre Gruppe alleine, manche lassen sich von Huetimüttern unterstützen.

Heute kann ich es mir nicht mehr vorstellen, eine Gruppe alleine zu betreuen. Viele Kinder haben bei uns ihren ersten Kontakt mit Pinseln und Farbe, sie halten bei uns ihren ersten Leim, ihr erstes Puzzle, ihre erste Schere und ihre ersten Bauklötze in der Hand.

Eintrittsalter 

Damals waren alle Kinder in meiner Gruppe mindestens drei Jahre alt. Na ja, fast alle, ich nahm ein Kind kurz vor seinem dritten Geburtstag auf und musste eine ordentliche Gardinenpredigt über mich ergehen lassen. Nicht ganz unberechtigt, schliesslich sollten die Regeln ja wirklich für alle gelten.

Durch das vorgezogene Kindergarteneintrittsalter werden die Kinder auch in der Spielgruppe immer jünger.

Bereits 10,2 % der Spielgruppen nehmen Kinder ab 2 Jahren, 31.3 % Kinder ab 2,5 Jahren auf.

Vielen Kindern fehlen heute grundlegende Spiel- und Spracherfahrungen. Teilweise liegt dies an den Erwartungen und Vorstellungen der Eltern. Gemäss einer deutschen Umfrage zur ihren literalen Praktiken gaben kurdische, türkische und arabische Eltern an, dass Sie vom Kindergarten (in Deutschland gehen die Kinder mit 3 Jahren in den Kindergarten) erwarten, dass ihre Kinder dort den Umgang mit Stift, Papier und Schere, sowie das Basteln lernen und sie zu Hause keine solchen Angebote machen.

Mehr zu dieser Umfrage findet ihr unter: http://www.leseforum.ch/myUploadData/files/2013_3_Kuyumcu.pdf

Viele unserer heutigen Kinder kennen die Fernsehhelden wie Spongebob, Superman (?), Lightning Mc Queen und wie sie sonst noch alle heissen und sie können einen Touchscreen „bedienen“.

Vor zehn Jahren konnte meine Handy telefonieren und nicht viel mehr, iPhone, iPad und Konsorten gab es höchstens in der Fantasie einiger Science Fiction-Schriftsteller.

Entwicklungsverzögerungen und Sprachentwicklungsstörungen 

Immer mehr Kinder fallen durch eine verzögerte Entwicklung und durch einen bescheidenen Wortschatz auf.

In 61,3 % der Spielgruppen gibt es Kinder mit einer Entwicklungsverzögerung und 70 % der
Spielgruppen betreuen Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung.

Spielen

In der Spielgruppe sollen Kinder in erster Linie spielen, aber was heisst spielen?

Meine ersten Spielgruppen-Wochen verliefen äusserst unbefriedigend, meine Kinder räumten einfach alles aus, aber ins Spiel fanden sie nicht.

Eine erste Montessori-Weiterbildung veränderte alles, ab sofort bot ich den Kindern acht verschiedene Tabletts am Tisch an und reduzierte das Freispiel auf zwei Angebote.
Die Kinder zeigten Interesse an den Spiel-, Bastel- und Werkangeboten, sie experimentierten, liessen ihrer Fantasie freien Lauf, sie warteten geduldig, bis das gewünschte Angebot wieder frei war, sie sprachen sich ab und auch die Freispiel-Angebote wurden nun bespielt.

Dieses Prinzip mit den verschiedenen Tabletts am Entdeckertisch und einem Freispiel-Angebot haben wir bis heute beibehalten. Wir staunen immer noch, wie gezielt sich die Kinder ihre Angebote aussuchen und welche grossen Fortschritte sie im Verlauf des Spielgruppenjahres machen.

Durch unsere reichhaltiges, abwechslungsreiches und vielseitiges Angebot sind die Kinder bei uns meistens in ihr Einzelspiel vertieft, treffen sich zum Rollenspiel in der Küche oder auf dem Spielteppich. Konflikte gibt es bei uns eher selten und meistens wissen die Kinder, sich selbst zu helfen, in dem sie ein anders Spiel auswählen und warten bis sie an die Reihe kommen.

Aber auch bei uns gibt es immer mehr Kinder, denen es schwer fällt, allein ins Spiel zu finden, sie möchten dauernd „entertained“ werden oder können gar nicht spielen. Bastel- oder Werkarbeiten, die wir früher in der Gruppe durchführten, müssen wir heute mit den Kindern einzeln erledigen, weil einige die Pinsel nicht richtig halten, nicht wissen, wie die Farbe auf den Pinsel kommt, manchmal die Unterlage, statt das Bastelobjekt bemalen.

Ja, die Kinder haben sich in den letzten zehn Jahren verändert, aber es sind immer noch Kinder, sie sind immer noch unsere Zukunft, sie verdienen unsere ganze Aufmerksamkeit, unsere Zuneigung und brauchen je länger je mehr unsere Unterstützung, um ihren Weg in unserer schnellen Welt zu finden.

Wir Spielgruppenleiterinnen können viel dazu beitragen, dass die Kinder für ihren weiteren Lebens- und Bildungsweg gut vorbereitet sind und ihn ihren individuellen Stärken entsprechend meistern werden.

Vielleicht müssen wir unsere Arbeit, unsere Ideen und unsere Konzepte ein wenig anpassen, vielleicht erhalten wir ja schon bald auch die nötige Unterstützung dazu.


Die Kindergartenpionierinnen brauchten knapp 100 Jahre, bis sie voll akzeptiert wurden, heute ist eine Kindheit ohne Kindergarten unvorstellbar. In diesem Sinne wage ich einen Blick in die Spielgruppen-Zukunft. 

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