Sonntag, 9. Februar 2014

Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache 

Letzte Woche hatte ich das Glück, ein 15 Monate altes Kind bei seinen Sprachversuchen beobachten zu können. Sehr viele Begriffe, Wörter sind dem Kind schon geläufig, manchmal konnten wir schon richtige Worte heraushören. 

Längst hatte ich vergessen, wie viele Wiederholungen nötig sind und wie oft ein junges Kind die Bestätigung braucht, dass der Hund von gestern auch heute noch ein Hund ist. 

Das Kind experimentierte fröhlich und voller Energie mit den verschiedensten Silben, mit Silben-kombinationen, die es immer wieder neu zusammensetzte, deren Betonungen es variierte. Manchmal erzählte es ganze Geschichten, egal ob wir zuhörten oder nicht. Andere Male verlangte es nach einer Bestätigung, es zeigte auf die Uhr und sagte: "Tütä!" brav und verlässlich antwortete ich jedes Mal: "Ja, das ist die Uhr, die Uhr macht tick-tack." Bei tick bewegte ich den Kopf langsam nach links bei tack nach rechts. Bald wusste das Kind, dass es nur auf die Uhr zeigen musste, um meinen Kopf in Bewegung zu setzen, manchmal machte es die Bewegungen selbst mit und ich glaubte, auch ein paar Mal schon ein richtiges tick-tack gehört zu haben. Es zeigte uns unermüdlich "Brumm-brumms" (Autos, Traktoren, Züge) auf Bildern an der Wand, auf der Bettdecke, in Büchern und als Spielzeuge, es entdeckte "Wu-wus" auf der Strasse und in Büchern, es zeigte uns alle auffindbaren Nasen, immer und immer wieder. 

Die Mutter begleitete das Kind vorbildlich; sie benannte alle ihre Handlungen, fragte beim Kind nach: "Wo ist der Hund?", lenkte die Aufmerksamkeit des Kindes auf ein bestimmtes Objekt: "Schau, da hat es noch ein
altes Telefon!", sie forderte das Kind zum Handeln auf: "Bring mir bitte den Ball!". Mit unzähligen Wiederholungen, den unterschiedlichsten Gegenständen und Sinneserfahrungen in den verschiedensten Variationen, mit viel Geduld, Wiederholungen und einem lebendigen, sprechfreudigen Sprachvorbild, lernt dieses Kind seine Erstsprache. Es wird nicht mehr lange dauern, wird das Kind seine ersten Zwei-Wort-Sätze bilden. Mit der entsprechenden Betonung wird es seinen Bezugspersonen helfen, die jeweilige Bedeutung zu verstehen.

Mit etwa 18 Monaten wird es über einen Verstehenswortschatz von etwa 200 Wörtern verfügen, davon wird es 50 häufig gebrauchen. Nur etwa zwei Monate später kann es schon ca. 170 Wörter verwenden.
Es wird gar nicht genug Input bekommen können, möchte alles wissen, es erlebt eine regelrechte Wort-
schatzexplosion, im Alter von 24 Monaten lernt es ca. alle 3 Stunden ein neues Wort - würden wir unserem Gehirn eine derartig Fülle von Informationen zumuten, käme wohl bald eine "Error-Meldung".

Zöge dieses Kind nun mit seinen Eltern in ein anderssprachiges Land, wären seine Voraussetzungen für das Erlernen der neuen Umgebungssprache ideal. Das Kind verfügt bereits über einen grossen Verstehens-
wortschatz, es kennt Bücher und versteht die Abstraktion von Bildern, dass heisst, es weiss, das reale
Gegenstände auch auf Bildern die gleiche Bezeichnung behalten. Ein Hund ist auch auf dem Bild ein Hund.

Kinder wollen spielen, ihre Gefühle und Wünsche ausdrücken, in welcher Sprache sie dies tun, ist ihnen eigentlich egal, solange sie ihre Ziele erreichen. Kommt das Kind nun mit einer neuen Umgebungssprache in Kontakt, wird es versuchen, diese so schnell wie möglich zu entschlüsseln, mit seiner Erstsprache hat es dies ja schon erfolgreich geschafft. Ebenso wie die Erstsprache lernt das Kind die Umgebungssprache ungelenkt,
weder Eltern noch Nachbarskinder verwenden ein Sprachbuch, um dem Kind einzelne Sprachlektionen zu erteilen. Sie gehen auf die Interessen des Kindes ein oder gehen in ihrem Spiel auf. Das Kind taucht in die
Sprache ein  und versucht einzelne Wörter zu isolieren, versucht den Sprachrhythmus zu entschlüsseln.
Auch bei der Zweitsprache gilt, je besser und sprechfreudiger die Sprachvorbilder sind, desto einfacher
 kann das Kind die neue Sprache aufnehmen, verstehen und anwenden.

Leider fehlt in vielen Familien dieses erstsprachliche, ganztägige Sprachbad - in vielen Familien übernimmt der TV die ganze Unterhaltung und berieselt die Familien mit nicht immer ganz hochstehender Sprache.
Junge Kinder können mit dieser Art des Sprachbades nichts anfangen, die Zusammenhänge erschliessen sich ihm nicht, niemand lenkt seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmt Sache und der Fernseher wartet auch nicht, bis das Kind bereit ist, ihm die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.

Deshalb wird es immer wichtiger, dass wir in Spielgruppen, Krippen und Kindergärten nicht mehr nur die
alltagsintegrierte Sprachförderung praktizieren, sondern uns vermehrt um eine kindgerechte, spielerische
und gelenkte Sprachförderung bemühen.
Die Sprachförderung sollte ähnlich aufgebaut sein wie ein Anfängerkurs in einer Fremdsprache. Beim einfachen, persönlichen starten: sich begrüssen, den eigenen Namen nennen - auch wenn wir den Kindern keine Übersetzungen liefern können (würde im Alter von 3 - 5 Jahren auch noch keinen Sinn machen),
sollten die Kinder verstehen, um was es geht. Wir können alle nur lernen, was wir auch verstehen.
Den eigenen Namen kennen die meisten Kinder und verstehen schon bald, wenn danach gefragt wird.

Im weiteren sollten wir die Eltern immer wieder ermutigen, so viel wie möglich mit ihren Kindern zu sprechen, natürlich in ihrer Erstsprache, nur so bleibt die Sprache authentisch und verspielt, den Kindern Geschichten zu erzählen, ihnen vor zu lesen und sie so wenig wie möglich vor die Flimmerkiste zu setzen. 

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