Donnerstag, 1. Mai 2014

Apps für Kinder 

Medien feindlich?

Nein, ich bin nicht Medien feindlich, einige Fernsehsendungen stossen mich ab, zugegeben, aber denen gehe ich einfach aus dem Weg. 
Meinen Computer liebe ich, er ist eines meiner wichtigsten Werkzeuge. Ich benutze ihn täglich, ich schreibe Briefe, Skripts, Mails, Bericht, notiere meine Ideen, ich gestalte Flyer, Spielkarten, berichte über unsere Spielgruppe auf unseren Blogs und ich nutze Facebook. 

Vor über einem Jahr habe ich mich intensiv mit der Programmierung von Apps befasst und nach 
langem Suchen habe ich ein Programm gefunden, mit dem ich selbst einfache Spiele programmieren konnte. Ich hoffte, die unbestreitbaren Vorteile des Tabletts für unsere Sprachförderung nutzen zu können. Die App wiederholt geduldig, immer und immer wieder den gleichen Satz, mit den gleichen Worten, so oft es das Kind will. Ich wollte es versuchen, obwohl ich Professor M. Spitzers Buch
"Digitale Demenz" gelesen hatte. 

Meine erste App

Meine erste App funktionierte, stolz auf meine Leistung testete ich sie mit einigen unserer Spielgruppen-kinder. Erstaunlich! Ich musste keinem Kind erklären, dass es einfach auf den Bildschirm touchen musste, das wussten sie schon alle, diese Medienkompetenz ist bei unseren 2 1/2 - 3 Jahre alten Kindern also schon vorhanden. Sie liebten mein Spiel, wollten gar nicht mehr aufhören, zum Glück 
hatte ich das Spiel so programmiert, dass es sich nach einem Durchgang selbst ausschaltete. 

Lerneffekte?

Wir waren schon vor dem Test skeptisch, ich wollte es aber einfach einmal versuchen, eine App wäre so praktisch, wir könnten sie den Eltern mit nach Hause geben, sie könnten mit den Kinder ein wenig
spielen und die Kinder würden ganz spielerisch und nebenbei Deutsch lernen. 

Glücklicherweise haben wir die Kinder beim Spielen sehr genau beobachtet. Meistens warteten sie 
die kurze, sehr kurze Frage gar nicht ab, sie touchten einfach auf den Bildschirm. Es war auch egal, ob sie zuhörten oder nicht, sie lösten in jedem Fall eine Reaktion aus. Entweder wurde das angetippte Bild 
grösser und ein zweites, neues Bild erschien oder das Bild hüpfte an seinen Platz zurück und die 
Frage kam erneut. Sass ich neben den Kindern, lenkte ich sie und sie vergewisserten sich mit einem 
Kontrollblick zu mir, ob sie es jetzt wirklich gut war. Wenn ich nickte oder strahlte, waren die Kinder 
zufrieden, schüttelte ich den Kopf probierten sie eine neue Version. So verhalten sie sich auch, wenn
wir gemeinsam mit Karten Paare suchen oder Bingo spielen. Liess ich die Kinder alleine spielen, freuten sie sich einfach an den Bewegungen, sie versuchten einfach wahllos, was passiert, ich glaube, sie
hörten gar nicht auf den Ton. Schon früher hatten wir einen Versuch mit einem Computerspiel gestartet, die Kinder erfreuten sich einfach an den Bewegungen, einen Lerneffekt, das die Kinder beim
zweiten oder dritten Mal entdeckt hätten, wie es gedacht wäre, konnten wir nicht feststellen. 

Praxistest

Nun, vielleicht waren die beiden Programme dilettantisch, deshalb habe ich mir heute vier Apps für Kleinkinder heruntergeladen und sie mir genau angeschaut. Ich habe versucht, mich in ein junges Kind zu versetzen und gebe hier meine Eindrücke als Kind wieder.

Puzzle
Auf dem Bildschirm erscheint ein blasses Bild mit einem Schiff und einer Giraffe, das Bild ist mit schwarzen Linien verziert (?), neben dem Bild hat es kleine farbige Teile. Was wohl passiert, wenn ich
den Finger draufhalte? Es wird gross! Cool! Wenn ich es auf das blasse Bild ziehe, bleibt es gross, ziehe ich es auf der Seite heraus, wird es wieder klein und hüpft zurück auf seinen Platz. Cool! Das probiere ich gleich noch einmal. Uuuiii! Jetzt bin ich einen anderen Weg gefahren, da blieb es plötzlich
stehen, es gab einen Sternenregen und jetzt hängt das Teil auf dem blassen Bild, ich bring es nicht mehr zurück. 

Eines unserer Kinder nahm letzte Woche ein einfaches Puzzle aus dem Gestell, es legte die Teile auf den
Tisch und hatte keinen Plan, was es nun mit den einzelnen Teilen anfangen sollte. Wir machten die Mutter darauf aufmerksam, dass sich das Kind für Puzzles interessiere und es doch schön wäre, wenn sie zu Hause mit ihm ein Puzzle legen könnte. Ja, ja, nickte sie, machen wir, wir haben eine ganz tolle App mit ganz vielen Puzzles. 

Malen
Oh, schön ein Pferd und Farben. Ich touche auf das grün, dann auf den Kopf, boooh - jetzt ist der
ganze Kopf grün! Und ich hab kein bisschen daneben gemalt! Wenn ich jetzt mit rot auf den Kopf
tippe, ist der Kopf rot. In der Spielgruppe sagen sie immer, ich soll den roten Pinsel nicht ins grün stellen, komisch!

Wissen über junge Tiere 
Ich tippe auf Spielen, ein Waldbild kommt, Musik ertönt, da sind schwarze Flecken auf dem Bild. 
Auf der Seite sind Tiere, glaube ich. Ich berühre ein Tier, es tönt und wird grösser??????????????
Schmetterlinge fliegen herum. Ich tippe auf ein Tier und fahre in die Mitte des Bildes, ich nehme den Finger weg, das Bild bleibt da????????????????????? Wenn ich das Tier auf einen schwarzen Fleck lege sagt eine undeutliche Stimme: "Füchslein". Will ich das Wort nochmals hören und tippe auf das Tier, lacht es mich einfach aus?????????????? 
Dieses Spiel wurde mit fünf Sternen ausgezeichnet!

interaktive Geschichte 
Die Stimme tönt nett, sie rauscht ein wenig. Upps, jetzt ist das Bild weg, ah, ich soll da wohl irgendwo
drauf tippen. Wenn ich die Pinguine berühre, bewegen sie sich. Was hat der Mann gesagt? Was ist ein Wassergraben! Halt! Stopp! Jetzt habe ich die Stimme nicht verstanden! Wenn ich auf die Pinguine
tippse, bin ich ganz abgelenkt und verpasse die Geschichte, die ist eh ein bisschen schnell. Dieser 
schwarze Balken mit dem weissen Kreuz geht auch nicht weg, was hat er jetzt schon wieder gesagt?

Ich habe es noch nie versucht, mit einem jungen Kind eine interaktive Geschichte anzusehen und zu hören. Nach meinem kurzen Abstecher in die obige Geschichte, glaube ich, dass ich es auch weiterhin nicht tun werde. Zu viel Ablenkung, Fragen stellen ist fast nicht möglich, einzelne Stellen wiederholen auch nicht, dafür bringt eine unüberlegte Berührung des Bildschirms die ganze Geschichte durcheinander. Da lese ich doch lieber selber im Tempo des Kindes vor, erzähle dialogisch und ziehe das Kind in die Geschichte hinein, stelle Frage, bin Reporter und blättere in unserem Tempo um. 

Kinder lernen mit allen Sinnen

Was bieten Apps den Kindern? Sie beschäftigen sie, wahrscheinlich sind sie sogar faszinierend, hypnotisierend, so wie der Fernsehbildschirm. Die Kinder streichen mit dem Finger über die immer glatte, kühle Oberfläche und können etwas bewegen, mehr nicht. Sie können die Zusammenhänge 
noch nicht erkennen. Genauso wie sie den Nuggi (Schnuller) immer wieder aus dem Bett werfen, ziehen sie die Bilder immer wieder über den Bildschirm, meistens passiert wieder das Gleiche wie beim letzten Mal, manchmal auch nicht, warum - keine Ahnung. 

Kinder brauchen Sinneserfahrungen, sie sollten fühlen, schmecken, riechen, sehen, hören, sich bewegen, die unterschiedlichsten Materialien und Werkzeuge kennen lernen, erkunden und ausprobieren. Schon ganz junge Kinder können physikalische Gesetze entdecken durch das Spiel mit 
Magneten, sie können Farben mischen, ihre Konsistenz fühlen. 

Medienkompetenz

Viele werden jetzt einwenden, ja aber unsere Kinder müssen doch Medienkompetenz entwickeln, sonst sind sie später verloren. Wirklich? Die Bedienung der heutigen Geräte ist so einfach, dass es bereits Apps für Babys gibt. Lesen und Schreiben können die Kinder auch ohne Apps lernen, viel besser und nachhaltiger sogar, weil die Schrift über die Hand in den Kopf geht. Alles andere auf dem PC, mit den Medien können Kinder ganz schnell lernen, dafür brauchen sie nicht einmal Unterricht, aber sie müssen reif genug dafür sein. 


Hier ein kleiner Auszug: Jugendliche greifen in Deutschland zwar seltener zu Flasche, Glimmstängel oder Joint - insgesamt haben aber Millionen Bundesbürger erhebliche Suchtprobleme. Viele hängen inzwischen fast krankhaft am heimischen Computer.

Unter den 14- bis 24-Jährigen gelten rund 250.000 als internetabhängig. Rund 1,4 Millionen junge Menschen zeigen ein problematisches Nutzungsverhalten. In der Gruppe der 14- bis 64-Jährigen werden rund 560.000 Menschen als internetabhängig eingeschätzt. 

In Deutschland zählt der Computer zu den Drogen, genauso wie Alkohol und Zigaretten. Vielleicht sollten wir unsere Kinder auch schon in der Spielgruppe langsam an Alkohol und Zigaretten heranführen, damit sie ihre Drogenkompetenz auf allen Gebieten entwickeln können. 

Ich schätze meinen Computer, nutze ihn als Werkzeuge, ich spiele nicht mit ihm, ich spiele auch nicht mit meinen Messern, obwohl ich dies auch könnte. 

Ich bin überzeugt, junge Kinder, sogar Kleinkinder, eventuell sogar Schüler könnten problemlos auf 
jede App verzichten, böte ihnen ihr Umfeld mehr Möglichkeiten zu eigenen Erfahrungen und Entdeckungen, vielleicht bräuchte es auch ein bisschen mehr Zuneigung und Zeit. 

Professor Hüther sagt es sehr schön: Kinder wollen Aufgaben finden, an denen sie wachsen können.  
Computerspiele sind keine solche Aufgaben, um über sich selbst hinaus wachsen, sondern eine Entfernung aus der Realität. Weil kleine Kinder noch nicht wissen, wie solche Aufgaben aussehen, brauchen sie Vorbilder, Erwachsene, die die Verantwortung wahrnehmen. Damit man für ein Kind ein
Vorbild sein kann, muss man mit dem Kind eine Beziehung eingehen. 




 






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