Sonntag, 2. Juli 2017

Ablösungsprozesse


Endlich ist es soweit! Die "neuen" Kinder betreten zum ersten Mal ihre Spielgruppe. Manche konnten den ersten Tag kaum erwarten, hatten sie doch im vergangenen Jahr ihre Geschwister wöchentlich begleitet und mussten immer wieder mit Mami nach Hause gehen, jetzt endlich durften sie bleiben!

Andere wären doch lieber zu Hause geblieben, wieder andere fänden es ja eigentlich schon toll, aber da sind plötzlich so viele fremde Gesichter und dann noch diese unbekannte Sprache. 

Auch nach 11 Jahren staune ich immer noch, wie unterschiedlich Kinder am ersten Tag in der Spiel-gruppe reagieren. 

Einige wenige kommer rein, schauen sich um und finden gleich etwas, das ihnen zusagt: Plüschtiere, Knet, Farbstifte, die Spielküche, ... Sie verabschieden sich sofort von ihren Begleitpersonen und bleiben meist die ganze Zeit zufrieden und nutzen unser Angebot, manche testen schon ein wenig die Grenzen. 

Andere schauen sich zuerst mit Mami oder Papi das Angebot an, lassen sich noch zögerlich auf ein Spiel ein und so lange alles ruhig bleibt, sind sie ebenfalls zufrieden ins Spiel vertieft und lassen die Eltern bald gehen.

Manche Kinder brauchen ihre Mutter noch als Rückzugsort, wann immer sie etwas verunsichert. Diese Mütter oder Väter sitzen grösstenteils unbeachtet in der Spielgruppe, die zwei, drei Blicke, die auf sie geworfen werden, sind für das Kind aber enorm wichtig. Meist verabschieden sich dies Mütter oder Väter 5 - 10 Minuten vor dem Ende und warten draussen auf ihr Kind. Oft blitzen dann kurz Tränen auf, diese versiegen aber spätestens, wenn wir die Schuhe verteilen. Wie versprochen wartet die Mutter draussen, ein erster grosser Schritt der Ablösung ist geschafft. 

Ja und dann gibt es noch die Kinder, die unter gar keinen Umständen in der Spielgruppe bleiben möchten, schon gar nicht ohne die Mama. 

Seit Jahren wünsche ich mir ein Geheimrezept, wie der Schmerz dieser Kinder gelindert werden könnte und auch viele Mütter wären dankbar, gäbe es ein solches. 

Bei uns gibt es keine Ablöseregeln, die Eltern entscheiden selbst, ob und wie lange, sie ihr Kind begleiten möchten, wir unterstützen die Eltern in ihrer Entscheidung. Wir versichern den Eltern, die gehen, dass wir uns herzlich um ihr Kind kümmern werden und wir sie benachrichtigen werden, sollte sich das Kind gar nicht beruhigen können. Wir trösten das Kind, nehmen es in den Arm, wenn es dies zulässt, wir versuchen es mit Spielen, Experimenten, Fingerversen, der Musikdose abzulenken, wir schauen uns gemeinsam ein Bilderbuch an, wir singen und tanzen, wir akzeptieren es aber auch, wenn ein Kind alleine sein möchte. 

Die meisten Kinder beruhigen sich schon nach kurzer Zeit und lassen sich auf ein Spiel ein, wir hatten auch schon Kinder, die sich in den Schlaf geweint haben, aufwachten und spielten. Manchmal schaffen wir es aber nicht und rufen die Eltern an, sie mögen wieder in die Spielgruppe kommen. Die Wiedersehensfreude ist natürlich riesig, das Kind erfährt so, dass die Mami tatsächlich wieder kommt, so wie sie es versprochen hat, das Kind beruhigt sich und kann weiterspielen. 

Nun gibt es aber auch Kinder, die weinen, auch wenn die Mutter dabei ist. In diesen Fällen frage ich mich, ob wir diesen Kindern nicht eine falsche Botschaft vermitteln: Ich bin ruhig und spiele, Mami geht weg! Wenn ich weine, bleibt meine Mami hier, also weine ich einfach weiter, damit sie ja nicht geht. 

In meiner Weiterbildung zum Lerncoach hatten wir folgendes, ähnliches Beispiel. Ein Junge nimmt seinem Bruder immer wieder die Spielsachen weg oder macht seine Bauwerke kaputt. Der Kleine rennt weinend zur Mutter. Bei der Situationsanalyse stellte sich heraus, dass dieses Verhalten vor allem dann auftrat, wenn der Vater der beiden mit dem kleinen Bruder spielte. Während die Mutter den Kleinen tröstete, sprach der Vater mit dem Älteren, manchmal macht er mit ihm einen kleinen Spaziergang. Offenbar wollte der Junge mehr Aufmerksamkeit vom Vater, er bekam diese, wenn er den kleinen Bruder zum Weinen brachte, für ihn hatte sein Verhalten eine positive Wirkung. 

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass pro Jahr höchstens 2 Kinder den Ablösungsprozess nicht schaffen, die meisten Kinder fühlen sich nach 2 - 3 Wochen sicher und freuen sich auf die Spielgruppe. 



An dieser Stelle möchte ich den Eltern ganz herzlich danken, für das grosse Vertrauen, das sie uns entgegeben bringen. Wir werden alles in unserer Macht stehende tun, dass eure Kinder ein oder zwei wunderschöne, unvergessliche Jahre in Artis Spielgruppe verbringen können. 

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