Sonntag, 2. Juli 2017

Deutsch sprechen I – Welches Sprachniveau braucht ein Schulkind?


Um in der Schule erfolgreich mithalten zu können, sollte ein Kind das Sprachniveau C 1 des europäischen
Referenzrahmens erreichen. Der Referenzrahmen dient Erwachsenen, die eine Fremdsprache erlernen wollen und Sprachschulen als Einstufungstest, um das optimale Kursniveau zu bestimmen.
Das Sprachniveau gliedert sich entsprechend des gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen in sechs Stufen von A1 (Anfänger) bis C2 (Experten).

Die untenstehende Tabelle habe ich von der Website der Migros-Klubschule kopiert.

A1-B1
Notwendige Unterrichtsstunden zur Erreichung eines Sprachniveaus: 80h – 150h

A1: Sie können einfache Fragen verstehen und beantworten.
A2: Sie können sich in vertrauten Situationen mit kurzen Sätzen verständigen.
B1: Sie finden sich in fast allen Alltagssituationen sprachlich zurecht.

B2 – C2
Notwendige Unterrichtsstunden zur Erreichung eines Sprachniveaus: 100h – 180h

B2: Sie können ihre Meinung zu vielen Themen spontan und klar ausdrücken
C1: Sie kommunizieren fliessend, differenziert und praktisch fehlerfrei.
C2: Sie beherrschen die Sprache fast so gut wie ihre Muttersprache. 

Der Schwerpunkt dieses Rasters liegt auf der gesprochenen Sprache, das Schriftliche wird nicht gross gewichtet. Ein Kind, das im Kindergarten zum ersten Mal mit der deutschen Sprache in Kontakt kommt, sollte innerhalb von 2 Jahren die Umgebungssprache, das Schweizerdeutsch lernen und danach sofort auf die Standardsprache umstellen können.

Vielfach wird angenommen, dass Kinder eine Sprache viel schneller und leichter lernen als Erwachsene. Viele Kinder erlernen die Umgebungssprache tatsächlich akzentfrei innert kurzer Zeit, allerdings haben sie andere Lernvoraussetzungen als ein Erwachsener. Kinder interessieren sich nicht für eine Sprache, Kinder möchten in erster Linie spielen, sie wollen dazu gehören, ihre Gefühle und Wünsche ausdrücken und ihre Bedürfnisse befriedigt bekommen. Ist dies alles nur in der Umgebungssprache möglich, ist das Kind hoch motiviert, es übernimmt schnell die wichtigsten Sprachfloskeln wie: „Ich will auch! – Gehört mir! – Gib mir!“ und kommt so über das Spiel, das Nachahmen an die Umgebungssprache heran. Das Kind hat auch, im Gegensatz zum Erwachsenen, fast den ganzen Tag Zeit, um die neue Sprache zu lernen, wenn es im optimalen Fall, den ganzen Tag in der Umgebungssprache „baden“ kann.

Vielerorts sind die einheimischen Kinder aber bereits in der Minderheit, fremdsprachige Kinder finden im Kindergarten immer öfter Kinder mit der gleichen Erstsprache, das deutsche Sprachbad kann nicht mehr stattfinden. Die Kinder können nicht wissen, wie wichtig es wäre, jetzt Deutsch zu lernen und spielen verständlicherweise mit den Kindern, die sie verstehen.

Kinder mit einer anderen Erstsprache bekommen im Kindergarten DAZ-Unterricht (Deutsch als Zweit-sprache), im günstigsten Fall zwei Stunden pro Woche, das heisst nach einem Jahr hatten sie 76 Stunden Deutsch. Gemäss der Migros-Klubschule-Tabelle erreichen sie in einem Jahr das Sprachniveau A 1, im nächsten Jahr sind sie auf A 2-Niveau in der Umgebungssprache; jetzt fangen sie mit der Standardsprache wieder fast bei Null an. Fand der DAZ-Unterricht in der Hochsprache an, können sie auf A 2-Niveau weiterlernen.

Während es für Fremdsprachenlerner spezielle Lehrbücher gibt, die sich dem Sprachniveau des Lerners anpassen, müssen die fremdsprachigen Kinder gleich von Anfang an, mit den Lehrmitteln für Erstsprachler
zu Recht kommen.

So stossen sie etwa in der dritten Klasse auf solche Sachrechnung:  „Im Jungwald standen 680 Fichten. 390 davon wurden ans Sägewerk und 110 Fichten wurden als Christbäume verkauft. Wie viele Bäume blieben stehen?“

Die Rechnung an und für sich ist nicht schwer, aber was ist ein Jungwald, was sind Fichten, Christbäume, ein Sägewerk und was hat dies alles mit Bäumen zu tun? Was bedeutet standen, wurden, blieben?

In der Alltagssprache verwenden wir nur ganz selten das Präteritum (Vergangenheitsform), im Schweizer-deutsch existiert es erst gar nicht, wir sagen: „sind gstandä“ (sind gestanden), „sind verchauft wordä“ (sind verkauft worden), „sind bliibä“ (sind geblieben) und auch in Filmen kommt diese Vergangen-heitsform fast nicht vor, der Fernseher kann auch nicht weiterhelfen. Das Präteritum findet sich vor allem in Bücher und Bücher lesen macht nur Spass, wenn wir auch verstehen, was wir lesen. 

Je früher die Kinder mit Geschichten und Büchern vertraut werden, umso einfacher fällt es ihnen die Gram-matikregeln der Hochsprache zu entdecken, die meisten Sprachen haben einen gesprochenen Dialekt und eine geschriebene Hochsprache. Wenn die Eltern zu Hause in der Erstsprache vorlesen, können die Kinder schon in frühen Jahren die Grammatikregeln der eigenen Hochsprache entdecken und diese später bei anderen Sprachen anwenden.


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