Sonntag, 2. Juli 2017

Deutsch sprechen II - Spiel und Sprache 


Immer wieder höre oder lese ich von Spielgruppen- und Kitaleiterinnen: "Unsere Kinder sprechen gut deutsch" - "Die Kinder verstehen sich auch ohne Sprache!" - "Die Kinder sprechen die Sprache des Spiels."

Wie aber definiert sich gutes Deutsch? Bitte versteht mich nicht falsch! Ich bewundere, ja beneide die Kinder um ihren Lerneifer und wäre stolz, könnte ich eine fremde Sprache so schnell aufnehmen wie sie. Wäre ich so engagiert und motiviert wie unsere Kinder, verstünde ich nach 10 Jahren als Spielgruppenleiterin schon mehr als 12 Sprachen und hätte in jeder von ihnen einen passablen Wortschatz aufgebaut.

Unsere Kinder haben sich im Laufe des Jahres einen grossen Verstehenswortschatz aufgebaut. Ganz viele alltägliche Fragen, Anregungen, Bemerkungen verstehen sie und können sie "richtig" beantworten allerdings "nur" mit einzelnen Worten, ganze Sätze sind bei unseren fremdsprachigen Kindern eher selten, manchmal kommt ein wunderschöner Satz, der uns mit Stolz erfüllt, wie: "Ich möchte jetzt doch aufs WC gehen." oder "Ich möchte Wasser trinken, bitte!" Unser Kinder können einfachen Geschichten folgen und sie mit ihren eigenen Worten nach erzählen.

Jetzt kommen unsere Kinder aber ins Rollenspielalter, jetzt wird es ernst. Ganz junge Kinder spielen einzeln nebeneinander, später gehen sie über zum Parallelspiel, bei dem zwei oder mehrere Kinder am gleichen Ort mit den gleichen Gegenständen spielen, sie regen sich zwar gegenseitig an, sprechen aber noch nicht über das gemeinsame Spiel. Im assoziativen Spiel tauschen die Kinder verschiedene Gegenstände untereinander aus, sie bleiben aber in ihrem eigenen Spiel. Wenn die Kinder diskutieren, Rollen verteilen, ihr Vorgehen gemeinsam planen, sprechen wir von kooperativem, vom Rollenspiel. 

Manchmal verstehen unsere fremdsprachigen Kinder die "Anweisungen" der anderen Kinder nicht, reagieren oder handeln nicht so, wie es erwünscht wurde und schon kann es passieren, dass sie aus dem Spiel ausgeschlossen werden. Passiert es öfter, dass sie ihrer Rolle nicht gerecht werden, hören sie gleich zu Beginn des Spiels: "Du darfst nicht mitspielen!" Noch können wir ein wenig erklärend und lenkend eingreifen, aber jetzt reicht die Sprache des Spiels nicht mehr, jetzt ist richtige Kommunikation gefragt.

Manchmal frage ich mich, was in Kindergärten passiert, in denen fünf bis sechs Kinder der gleichen Sprach-gruppe auf ein bis zwei einheimische Kinder treffen. Lernen die einheimischen Kinder die Sprache der Mehr-heit?

Und wie geht es mit den Deutschkenntnissen dieser Sprachgruppe weiter, wie werden sie motiviert unsere
Umgebungssprache zu lernen, um später in der Schule den Anforderungen gerecht zu werden?

Ich erinnere mich gut an ein Arbeitsblatt einer zweiten Klasse im Deutschunterricht. Es trug den Titel: "Finde das schwarze Schaf", in  5 Reihen waren je 4  Begriffen abgebildet und mit der jeweiligen Bezeichnung versehen. Unter anderem fanden sich Wörter wie Nikolaus, Eisblume, Butterfass, Pampelmuse, Petunie und Zylinder darunter. Nicht nur die fremdsprachigen Kinder suchten vergeblich nach einem schwarzen Schaf und mehr als ein einheimisches Kind konnte sich nichts unter einem Butterfass oder einer Pampelmuse  vorstellen!

Leider sind immer noch viele Lehrmittel auf Kinder mit deutscher Erstsprache und ausreichender Literarcy-Erfahrung ausgerichtet.

Ich möchte nochmals alle, die mit jungen Kindern arbeiten, ermuntern, auffordern, bitten, den Kindern ein gutes Sprachvorbild zu sein, viel mit ihnen zu sprechen, erzählt ihnen Geschichten, singt mit ihnen Lieder und haltet sie bitte so lange wie möglich von Smartphones, Computern und Fernsehern fern.

In der heutigen LOL- und YOLO-Welt[1] wird es immer wichtiger, dass wir Kinderbegleitpersonen uns darauf konzentrieren, gute Sprachvorbilder zu sein, sowohl für die Kinder, wie auch für die Eltern. Unser Sprachbewusstsein ist geschärft, wir sprechen in ganzen, gepflegten Sätzen, wir schaffen und nutzen Sprachanlässe.Wir zeigen den Kindern, wie lustvoll und nützlich die Kommunikation mit anderen sein kann, sie ist die Basis für späteres Lesen und Schreiben. Wir kommentieren die Handlungen der Kinder wie Reporter ein Fussballspiel und fördern so ihre Konzentration auf die momentane Aufgabe. Wir gehen sorgsam mit der Sprache, unserem wichtigsten pädagogischen Werkzeug um. Mit Fingerversen, Liedern, Abzählreimen und Geschichten bauen wir mit der Erzählsprache eine Brücke zur geschriebenen Sprache. 

Eltern die nur schlecht oder gar kein Deutsch sprechen, können ihre Kinder beim Erlernen der Umgebungs-sprache nicht unterstützen; sie können aber dafür sorgen, dass ihre Kinder in der Erstsprache einen guten Wortschatz erwerben und ihnen durch Geschichten und Bücher den Zugang zur erstsprachlichen Bildungs-sprache ermöglichen. Wenn ihre Kinder oft mit deutsch sprechenden Kindern spielen können und sie eine Vorschuleinrichtung besuchen, werden sie die Zweitsprache auch ohne Deutschkenntnisse der Eltern erlernen. Allerdings sollten die Eltern den Kindern zeigen, wie wichtig auch ihnen die Umgebungssprache ist und ebenfalls die deutsche Sprache lernen. 





[1] LOL = laughing out loud; YOLO = you only live onceDamit die Kinder einen guten Wortschatz aufbauen können, brauchen sie persönliche, interessante und gute Sprachvorbilder, die ihnen

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