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Sonntag, 2. Juli 2017

Erstsprache der zweiten Generation

Die Mutter sprach italienisch und verweigerte bis zum Tod die schweizerdeutsche Sprache, die Tochter wuchs in der Schweiz auf, sprach mit der Mutter und der Verwandtschaft in den Ferien ihre Erstsprache - mit ihren eigenen Kindern hat sie von Anfang an schweizerdeutsch gesprochen. 

Der Vater kam mit 5 Jahren in die Schweiz, er hatte während seiner ganzen Schulkarriere Probleme mit der deutschen Sprache, Mathe war seine Stärke. Heute spricht er im Alltag schweizerdeutsch. Seinem ersten Kind versuchte er seine Erstsprache zu vermitteln, das Kind nahm einige Wörter auf, als die Wörter aber so richtig sprudelten, kamen nur noch ch-deutsche Wörter, der Vater stellte ebenfalls auf unsere Mundart um. 

Der Vater sprach italienisch, die Mutter sprach portugiesisch, das Mädchen kam in der Schweiz zur Welt, lernte unsere Umgebungssprache auf der Strasse mit anderen Kindern, heute bezeichnet sie 
schweizerdeutsch als ihre Muttersprache. 

Nun stellen wir aber vermehrt fest, dass immer mehr Eltern, die als Kinder in die Schweiz kamen, hier aufgewachsen sind, mit ihren Kindern ausschliesslich ihre Erstsprache, die sie manchmal gar nicht mehr richtig beherrschen, sprechen. Die Kinder dieser Eltern haben aber oftmals fast keine Chance mehr, die Umgebungssprache zu lernen. In unserer Gemeinde kommen auf 10 fremd-sprachige Kinder, 2 deutschsprechende! 

Die Muttersprache, die Erstsprache sprechen

Auch wir raten unseren mehrsprachigen Eltern: "Sprecht mit euren Kindern in eurer Muttersprache,
die Muttersprache ist die Sprache des Herzens, nur in eurer Muttersprache seid ihr authentisch, nur in eurer Muttersprache könnt ihr angemessen reagieren!" Für Eltern der ersten Generation ist diese Empfehlung bestimmt richtig, so können sie ihren Kindern einen guten Wortschatz und literale Formen ihrer Erstsprache vermitteln.

Die zweite Generation 

Wie sieht es nun aber mit Eltern der zweiten Generation aus? Eltern, die mit einer fremden Sprache in der Schule konfrontiert wurden, die es trotzdem schafften, in diesem Land ihren Weg zu gehen, die heute hier leben, arbeiten, eigene Firmen aufgebaut haben. Was sollen wir diesen Eltern raten? 

Viele dieser Eltern entscheiden sich, mit ihren Kindern ihre Erstsprache zu sprechen, obwohl sie unser schweizerdeutsch perfekt beherrschen. Wäre es nicht besser, sie würden deutsch mit ihren Kindern sprechen und sie so optimal auf ihr Schulleben in der Schweiz vorbereiten? Wenigstens ein Elternteil könnte die deutsche Sprache übernehmen oder die Grosseltern, die vielfach für die Kinderbetreuung in der Schweiz zuständig sind. Die Erstsprache ginge nicht verloren, die Kinder hätten aber bessere Startchancen in der Schule. 

Kinder können problemlos 2 bis 3 verschiedene Sprachen gleichzeitig erlernen, am besten funktioniert dies, wenn sie die Sprachen schon als Baby hören und zwar immer von den gleichen Personen. Eine Person = eine Sprache! 

Wann entscheiden die Eltern welche Sprache zu Hause gesprochen wird, wer entscheidet? Warum entscheiden sich die Eltern für ihre Erstsprache, obwohl sie in der Schweiz aufgewachsen sind, hier arbeiten und die meisten auch hier bleiben werden/möchten? 

Werden Sie falsch beraten oder liegt es in ihrer Kultur? 

Ich würde mich sehr freuen, wenn mir ein "Betroffener", "eine Betroffene" diese Fragen beantworten könnte! 

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