Sonntag, 2. Juli 2017

Kleines Sprachförder-Experiment


Immer wieder stelle ich mir die Frage, wie kommen unsere Sprachspiele bei unseren jungen Kindern an. Was können sie wirklich aufnehmen, was bleibt hängen? 

Nun wagte ich mit zwei Kindern, 11 und 13 Jahre alt, ein kleines Experiment. Ja, ich weiss, das Alter stimmt nicht ganz, dafür konnten mir die Kinder aber ihre Gefühle und ihre Eindrücke sehr genau schildern. 

Ich wählte für mein Experiment französisch, leider spreche ich es nicht als Zweitsprache, aber es ist meine stärkste Fremdsprache. Die beiden Kinder lernen seit einem bzw. seit drei Jahren französisch in der Schule. Ich wollte es ihnen nicht zu "leicht" machen und wählte daher unser letztes Spielgruppen-Thema, die Ableitungen und die Werkzeuge mit Kasimir, dem Biber aus. Ich war ziemlich sicher, dass den Kinder der verwendete Wortschatz noch völlig unbekannt war. 

Wir setzten uns an den Tisch und ich begann meine gewohnte Einführung ins Thema, diesmal allerdings auf französisch. Die beiden Kinder hörten mir mit grossen Augen zu, die meisten meiner Fragen verstanden sie, konnten aber natürlich nicht französisch antworten. Sie erkannten den Biberbau und den Biber und benannten beides auf deutsch. Ich benannte den Biber auf französisch, begrüsste ihn und er begrüsste anschliessend die Kinder. Er zeigte seine Möbelstücke aus Holz, welche beide Kinder teilweise auf französisch benennen konnten. Kasimir stellte seine Werkzeuge vor und zeigte was er mit ihnen tun kann, glücklicherweise funktionieren die französischen Ableitungen ähnlich wie die deutschen, mit "la scie" kann Kasimir "scier", "la colle" braucht er für "coller". 

Als wir alle Werkzeuge kennengelernt hatten, machten wir eine kleine Pause. Ich befragte die Kinder, wie es für sie gewesen sei. "Das ist schrecklich, ich verstehe keinen Piep, ich komme überhaupt nicht draus, was das soll!" meinte das jüngere Kind. "Ich verstehe auch nichts, lustig finde ich, dass der Nagel auf französisch so heisst wie der Leim auf englisch." erklärte das ältere. (Rein phonetisch kann diese Aussage stehen bleiben). "Habt ihr verstanden, worum es ging?" fragte ich weiter. "Nein, keine Ahnung!" antwortete das jüngere, "ich glaube, um die Werkzeuge und um die Tätigkeiten", erklärte das ältere. 

Nach gut 5 Minuten Pause führten wir das zweite Sprachspiel durch, zuerst benannte ich die Werkzeuge, im Chor wiederholten wir das Wort mit dem Artikel, verteilten es an uns und unsere imaginären Mitspieler. Danach zeigte ich eine Tätigkeit, sägen und nannte das Verb, gemeinsam führten wir die Tätigkeit aus und sprachen das Verb im Chor. Jetzt galt es das passende Werkzeug zu finden, diese Übung klappte recht gut, auch wenn die beiden Kinder die Wörter noch nicht selbständig nennen konnten. 

Die zweite Runde fanden beide Kinder schon verständlicher und weniger schrecklich. 

Eigentlich wollte ich einen zweiten Durchgang zwei Tage später durchführen, wir schafften es aber erst am dritten Tag. 

Beim jüngeren Kind brauchte ich viel Überzeugungskraft, dass es sich nochmals als Testkind zur Verfügung stellte. "Ach, ich kann es ja doch nicht, ich mag französisch nicht, wenn ich etwas nicht verstehe, macht es mir auch keinen Spass!" bekam ich zu hören. Zusammen mit dem älteren Kind konnte ich es dann doch nochmals gewinnen. 

Die Einführung machten wir nochmals genau gleich und siehe da, das jüngere Kind konnte bereits etwa die 
Hälfte der Werkzeuge selbständig benennen. Es verhielt sich gleich wie meine Spielgruppenkinder, es machte die Bewegung nach, konzentrierte sich und konnte über das Verb, das Substantiv nennen. Das ältere Kind hatte sich bereits nach dem ersten Tag einige der Substantive gemerkt. Als wir am nächsten Tag im Garten werkelten, nannte es unaufgefordert den Nagel, den Hammer und die Säge auf französisch und auch die entsprechenden Verben konnte es rekonstruieren. 

Nach der erfolgreichen ersten Spielrunde machten wir wieder eine Pause, das jüngere Kind strahlte und fand mein Experiment gar nicht mehr so schlimm. Kurzerhand erschwerte ich meine zweite Spielrunde, statt selbst das Werkzeug zu benennen, durften die Kinder selbst bestimmen, welches Werkzeug sie nehmen möchten und was sie damit tun. Sie schafften es, acht der zehn Werkzeuge selbständig zu benennen und kannten auch das passende Verb. Beide nahmen die vorher geübten Bewegungen als Gedächtnisstütze zur Hilfe. 

Insgesamt haben wir etwa 30 Minuten in unser Experiment investiert, die Kinder konnten danach 20 neue Wörter im richtigen Zusammenhang nennen, sie waren in der Lage, drei verschiedene Fragen richtig zu beantworten und verstanden fünf unterschiedliche Anweisungen und konnten mindestens einen richtigen französischen Satz selbständig bilden.  

Am meisten beeindruckt und beschäftigt hat mich die Aussage: "Ich verstehe keinen Piep, so macht das keinen Spass!",danach die Bereitschaft, es trotzdem nochmals zu versuchen und die anschliessende Freude, der Stolz, als diese hohe Mauer des Unverständnisses durch Verständnis und durch Wissen überwunden war. 

Heute weitere zwei Tage später, kommt das jüngere Kind zu mir, zeigt auf den Hammer und sagt:" C' est le marteau, avec le marteau je peux marteler." 

Ich bin mega stolz und überzeugt, dass unsere Art der Sprachförderung,  alltagsintegriert kombiniert mit expliziten Sprachspielen zu einem bestimmten Thema, den Kindern einen grossen Verstehenswortschatz vermittelt und sie sich einige wichtige Alltagsformeln aneignen können, die ihnen im täglichen Spiel mit anderen Kindern weiterhelfen. 

Unser Experiment hat mich aber auch gelehrt, dass ich noch besser auf meine Sprache achten muss. Bedingt durch meine beschränkten Französischkenntnisse konnte ich meine Sätze nicht variieren, in meiner Erstsprache mache ich dies aber sehr wohl. Für die Kinder ist es aber einfacher, wenn ich immer die gleichen Sätze wiederhole, darauf muss ich bei meinen Sprachspielen vermehrt achten. 



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